Montag, Dezember 18, 2006

wanderungen im limbischen system (ii).

(-> der wanderung erster teil)

an einem sonnigen tag also machte ich mich auf den weg zur wanderung. am lehter bahnhof, dem neuen hauptbahnhof, stieg ich um und erinnerte mich gerade noch rechtzeitig, ein kleines notizbuch zu kaufen, um nachher meine eindrücke festzuhalten und nichts zu vergessen. (es soll ja menschen geben, die nur an einem gepäckstück zu riechen brauchen, schon erinnern sie sich an eine reise oder die jugend, und nicht selten, dass dabei auch mal ein umfangreiches stück literatur zustandekommt. bahnwärter thiel fällt mir da zum beispiel ein.)

nun. nachdem ich angekommen war, machte mich die reiseleiterin noch einmal mit den sicherheitsvorkehrungen vertraut. und ich muss ehrlich zugeben, ein bisschen aufgeregt war ich schon. würde meine seele ein ort sein, wo "etwas los" sei? und was, wenn belastendes zu tage treten würde? was, wenn ich in meinen früheren leben schlagersänger oder gar call-center-agent gewesen wäre? die reiseleitung aber zerstreute meine bedenken: zunächst ginge es in ein glückliches leben zurück. dann begann sie, auf mich einzureden und innerhalb weniger minuten war ich recht tief entspannt. ich fand mich plötzlich an einem ort wieder, der mir vorher von der leitung beschrieben worden war und wo ich - ebenfalls wie vorher angekündigt - meiner spirituellen begleitung begegnete, die mich auf der wanderung beschützen sollte (bei einer seelenwanderung ist das inklusive):

haine lagen hier sanft in der landschaft verstreut, wuchtige eichen standen nahe einem dorf und ich atmete den duft von tieckholz ein, während sich am himmel die abendwolken romantisch kräuselten. tatsächlich erschien dort auch meine spirituelle begleitung. überraschenderweise war es frau s., meine sachbearbeiterin vom jobcenter pankow, die da in gelöster heiterkeit auf mich zu kam, jene dame also, die erst kürzlich meinen regelsatz falsch berechnet hatte. ich erkannte sofort, dass auch jener amtsvorgang eine weitaus größere spirituelle dimension und tragweite hatte, als damals von mir zugestanden. ja, dass sich die spirituellen prüfungen gerade in den kleinen dingen des alltages offenbaren. - inzwischen war in meiner seelenlandschaft die schönste nacht herabgestiegen, voll wundermilden duftes, so silberglänzend und still, wie es sie wohl früher nur dichter erträumen oder maler abzupinseln vermochten.

dann wurde es vollkommen dunkel, und ich, jacques costeau meines seelenozeans, drang immer tiefer in das unbekannte ein. ich durchquerte die basalganglien, umsegelte stirn- und insellappen und warf schließlich anker vor der zirbeldrüse. dort wurde mir klar und deutlich bewusst, dass ich im unbewussten angekommen sein musste: ich lag zwar noch auf dem futon in der leiterin ihrer wohnung, gleichzeitig aber befand ich mich in einem früheren leben. offenkundig war es das leben eines seemannes, denn das schien mir die einzig logische erklärung für meine anwesenheit auf dem deck eines schiffes zu sein. die drei lateinersegel des schiffes (es war eine karavelle, wie ich später herausfand) waren prall mit wind gefüllt, die mannschaft reffte gerade das rahsegel und ich roch die frische, salzige luft des meeres und war glücklich. schlagartig wurde mir auch klar, warum ich schon immer den geruch von nassem holz in der sonne so gern mochte, ebenso woher meine vorliebe für dreiviertel-hosen kommen musste, denn mit einer solchen war ich bekleidet.

anscheinend war ich irgendwo im 16. jahrhundert gelandet und auf entdeckungsfahrt: ich sah mich bzw. die person, die ich war, in eine kajüte gehen und aufzeichnungen in einem logbuch vornehmen. zunächst las ich, was dort schon geschrieben stand, folgte den buchstaben zeile für zeile, genau so, wie auch du es in diesem moment tust. dann nahm ich eine feder zur hand und korrigierte, schrieb ein paar neue zeilen und überlegte, ob in ferner zukunft wohl jemand diese eintragungen lesen und verstehen würde. ich notierte etwas über die zeit, dann schlief ich ein.

ich wache auf und fühle ich mich merkwürdig wässrig. es stürmt, und ich scheine getragen zu werden. ich möchte mich selbst bewegen, muss aber mit erstaunen feststellen, dass ich weder arme noch beine, ja noch nicht einmal einen halbwegs vernünftigen körper geschweige denn kopf habe. es dämmert mir allmählich, dass ich eine melone bin. und zwar nicht irgendeine, sondern genau jene melone, die in dem wenig berühmten traum des herrn cartesius vom 10. auf den 11. november 1619 vorkommt. ich denke: merkwürdig. bin ich wohl in einem meiner früheren leben eine hellwache melone im traum eines so bedeutenden mannes gewesen ... hoffentlich, so mein zweiter gedanke, interpretiert er mich später nicht falsch. aber natürlich: den zauber der einsamkeit soll ich symbolisieren, so ein quatsch, dabei plauderte ich doch gerade ziemlich gesellig mit meiner reiseleiterin und berichtete ihr von meinem traumhaften melonen-dasein. wenn ich mich doch nur hätte artikulieren können!

jetzt: wenn du aufmerksam gelesen hast, wirst du den tempus-wechsel im letzten abschnitt bemerkt haben. das hat einen guten grund, denn mit der zeit geriet ich während meiner wanderung in der zeit ja ziemlich in konfusion. denn: normal verknüpfst du handlung und ereignis mithilfe der lieben zeit zu einer schönen reihenfolge, einen warmen geschichten-pulli kannst du dir dann stricken. aber bei der nächsten wanderstation, nun, da hakte es dann doch etwas aus, tempus-knäul quasi und laufmasche hoch drei: ich sah mich, wie ich jetzt, also in diesem moment, vor dem rechner sitze und eine geschichte über seelenwanderungen schrieb, schreiben würde, schreibe. und dann sah ich mich den publish-button drücken, genau so, wie ich es vermutlich jetzt gleich machen werde. ehrlich jetzt, kein seemannsgarn.

2 Comments:

Anonymous enno said...

Großartig. Bin auf die Fortsetzungen gespannt. Das wird ja sowas wie Dein Opus magnum...

3:43 nachm.  
Blogger undundund said...

fortsetzungen. hm.

4:33 nachm.  

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