Freitag, April 07, 2006

man kann erfahrungen verschiedentlich benennen; der erfahrung selbst ist es gleich, auf welche weise sie nachher in worte gekleidet und weitergereicht wird. einerlei also auch, ob man nun zu einer merkwürdigen begebenheit zufall oder schicksal sagt, seltsames bleibt seltsam, und hinter jeder merkwürdigkeit verbirgt sich ein staunen. (ich staune gerne)

neulich zum beispiel: ich saß beim frühstück und las zeitung. im wirtschaftsteil stand eine reportage über eine frau, die den neuen wm-ball teamgeist von adidas entwickelt hatte. ich glaube, es handelte sich um einen beitrag innerhalb der serie "frauen und fußball". und wie solche texte sind: locker geschrieben, mit ein oder zwei humorigen stellen, tenor: erfolgreiche frau setzt sich in männerdomäne durch.

nachdem ich abgeräumt hatte, war ich eine zeitlang im netz und stieß dabei auf einen artikel der taz, in dem die produktionsbedingungen eben dieses wm-balles beschrieben wurden. ich weiß jetzt nicht mehr, ob in korea, vietnam oder laos - jedenfalls lagen die produktionskosten dort bei einem oder zwei euro (falls ich mich richtig erinnere). der preis von teamgeist beträgt einhundertzehn euro.

abends, kurz vor dem schlafengehen, las ich die zeitung zu ende. in der gleichen ausgabe, nur ein paar seiten weiter vorne, war ein bild des iranischen präsidenten abgedruckt. es zeigt ihn, wie er kurz davor ist, gegen den wm-ball zu treten; das standbein leicht angewinkelt, das andere würde jeden moment zurückschwingen, um mit wucht die kugel aus dem blickwinkel des fotografen in unbestimmte richtung zu schießen. umringt ist er von spielern der iranischen nationalmannschaft; sie alle tragen ein lachen im gesicht, das nichts anderes ausdrückt als freude am spiel; selbst der präsident scheint großes vergnügen zu haben.

und ich dachte so bei mir: wie merkwürdig das alles ist.

8 Comments:

Anonymous Neo-Bazi said...

Wie austauschbar doch alle sind. Dieselbe Story könnte man mit Olympiade 1936, Hitler, Leni Riefenstahl usw. besetzen.

12:09 nachm.  
Blogger kein einzelfall said...

Runde Sache, die Ballistik. Kann einen rund um die Uhr treffen.

1:37 nachm.  
Blogger undundund said...

@ bazi. nein, darum ging es mir eigentlich gar nicht. ich fand es so bemerkenswert, dass so ein simpler ball in so unterschiedlichen zusammenhängen jeweils mit völlig verschiedenen bedeutungen "aufgeladen" sein kann. dass sich an ihm, der sich ja kein bisschen verändert, so viel verschiedenes widerspiegelt und zusammenfügt, was scheinbar nichts miteinander zu tun hat.

1:03 vorm.  
Anonymous coach biermann said...

Das war mir schon klar, Herr Kollege und trotzdem mußte ich spontan diese saudoofe Assoziation loswerden. So ein dusseliger Vergleich schreckt sofort die Kommentatoren ab, wie man sieht. (FC Germania 36 ist kein Persia 06) Das dauert noch mindestens 3 Jahre bis zur Eröffnung und dann hat der TSV WashDC einen ganz anderen Trainer.

Ich werde mich in Zukunft immer erst ein paar Tage in Hüllen schweigen und erst die seriösen Damen und Herren zu Wort kommen lassen, großes Ehrenwort.

3:42 vorm.  
Blogger undundund said...

tsehe. einen seriöseren kommentator als dich kann ich mir kaum vorstellen, und wenn du dein ehrenwort nicht auf der stelle brichst, dann, ja ... äh, also dann denk´ ich mir irgendwas ganz fieses aus. ehrenwort.

;)

11:50 vorm.  
Blogger Dies&Das said...

http://www.ngai-chun-cheung.de/wm-ball.html

Auf den Link bin ich gestoßen, der Typ fast das ganz interessant zusammen.

Nicht dass ich das Lied "Die Welt ist ja so ungerecht" anstimmen will. Aber ich distanziere mich von diesem Verhalten. Vermute dass meine nächsten Nike- Schuhe aus der Nachbarfabrik kommen. Denke über Hanflatschen aus deutscher Fabrikation nach.

10:22 nachm.  
Blogger konfusius said...

c g jung hat das synchronizität genannt. manchmal ist es schon hilfreich, für eine erfahrung einen begriff zu haben, sonst würden wir nur noch davon dingsen, dass die dings sich so dingsisch andingsen.

10:03 vorm.  
Blogger undundund said...

werter herr yue, eigentlich hatte ich ja gar nicht in frage gestellt, dass erfahrungen - glücklicherweise - auf den begriff gebracht werden, das wäre ja auch ein bisschen zuviel chaos und weniger lustig obendrein (inwiefern begriffe zuallererst erfahrungen ermöglichen, das ist wiederum eine andere sache).

der kleine abschnitt da oben, den ich mal so ohne große gedanken geschrieben habe, will ja nur darauf hinaus, dass das wesentliche oftmals in einer noch nicht begrifflich kategorisierenden erfahrung liegt, welche, um im beispiel zu bleiben, zwei scheinbar gegensätzlichen begriffen wie dem zufall oder dem schicksal zugrundeliegen kann, hier: das staunen.

und bezüglich des links: was das verständnis solcher begriffe wie "magie", "sinn" oder "kausalität" betrifft, habe ich eine etwas andere vorstellung.

1:21 nachm.  

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