Montag, März 13, 2006

kai ebel, der blumenkübel vor dem esmarch-wirt seiner kneipe und ich.

kürzlich berichtete ich davon, dass in meiner straße gut trödeln ist. die straße ist weder zu lang noch zu kurz, weder zu breit noch zu eng, man kann bequem von links nach rechts und von vorne nach hinten trödeln – kurz: mit ihren idealen maßen gehört sie zu den top-models unter den trödel-straßen. mit großer vorfreude beginne ich deshalb oft schon in meiner wohnung zu trödeln, was nicht selten dazu führt, dass ich zu hause bleibe.

vom duft des gehobenen einkommens der durchschnittsbewohner angelockt – doppelverdienendes ehepaar mit kind und tiefgarage –, hat sich in den letzten jahren eine vielzahl von umsatzhungrigen läden an den straßenrand herangepirscht. einige davon, die schutzumschläge aus plüsch für taschenbücher oder polynesische schokoriegel für fünf euro anboten, überlebten so ungefähr ein bis zwei monate und wurden dann mittels marktwirtschaftlicher selektion von anderen läden verdrängt, die sich auf spielwaren, kinderbekleidung und -aufbewahrung spezialisiert haben, womit in meinem viertel gut geld verdienen ist.

einen nachteil hat die straße jedoch: sie liegt in der einflugschneise diverser fitness-fanatiker. aus dem prenzlauer berg hecheln sie in den anliegenden park hinein, was besonders das wochenendliche trödelvergnügen trübt. früh morgens, vor sonnenaufgang, kann man bereits die ersten dehn- und streckübungen der drahtigen athleten vor dem esmarch-wirt seiner kneipe beobachten, kaum dass der letzte betrunkene herausgewankt ist und in den blumenkübel gekotzt hat. eine kurze zeit hatte ich gehofft, dass das neueröffnete fitness-studio gegenüber dem unteren ende der straße einige der laufwütigen auffangen würde, aber es hat sich nicht lange gehalten, und jetzt wird dort wahrscheinlich ein kinderfriseur aufmachen.

bis vor einigen jahren hatte ich auch noch geglaubt, das massenhafte laufen sei ein amerikanisches problem. als ich einmal gemütlich im zentralpark einer us-amerikanischen metropole spazieren gehen wollte, beschlich mich mit meiner kontinentaleuropäisch geprägten schrittfrequenz eine tiefe einsamkeit inmitten der joggenden entrepreneure und power-dog-walkern. inzwischen aber gleicht auch der heimische park einem fitness-studio. man sieht zum beispiel erwachsene menschen mit aerodynamisch geformten, dreirädigen kinderwagen auf der asphaltierten strecke ihre runden drehen. es ist das reinste hockenheim. und nur eine frage der zeit, bis kai ebel am streckenrand die stoßdämpfung und die richtige reifenwahl der boliden für rtl analysieren wird. es täte mich jedenfalls nicht wundern, wenn das baby mit schroth-gurten befestigt wäre. wie wird so ein kleiner wurm geprägt, wenn er dauernd in schweißüberströmte und schmerzverzehrte gesichter schauen muss?

jedenfalls haben sich die guten trainingsbedingungen sowie die leicht erhöhte lage in sportlerkreisen herumgesprochen, denn seit letztem sommer gibt es immer mehr läufer. manche straßenbewohner haben sich inzwischen auch damit arrangiert, was man daran erkennen kann, dass sie frühmorgens trinkstationen mit isotonischen getränken und nassen schwämmen zur abkühlung herrichten. vereinzelt haben sich auch schon fan-clubs gegründet. selbst nachbarin f., eine achtzigjährige dame, sah ich mit einer stoppuhr in der hand aus dem fenster ihren liebling anfeuern. auch die bewohner der anliegenden senioren-residenz scheinen dem konditionswahn verfallen zu sein. anstatt einen gemütlichen memory-nachmitag mit der heidi von der wohlfahrt bei kaffee und kuchen zu genießen, schnaufen sie durch den park, die hände freilich auf ihr wägelchen gestützt.

allmählich aber gerät die sache aus dem ruder. gestern morgen, als ich gerade vom metzger mit drei pfund gemischtem hack nach hause ging und zwei eishockey-mannschaften den weg zum ententeich erklärte, wäre ich fast vom viererbob schweiz ii über den haufen gefahren, wäre ich nicht in letzter sekunde ausgewichen. und heute, beim gemüsehändler, wurde es noch bedrohlicher. ich schnupperte gerade an den saftorangen aus spanien, als ein leises surren zu hören war, welches immer lauter wurde, bis ein heftiger schlag den laden erfasste und großer tumult ausbrach. instinktiv suchte ich schutz unter den kleinen bio-bananen aus ecuador, andere warfen sich unter die salatauslage oder hielten sich einen wirsing schützend vors gesicht. mit schrecken sah ich, wie es elstar und boskopp zerfetzte, rettich und blumenkohl sprotzelten herum und wurden durch die luft geschleudert. die hammerwerfer hatten mit ihrem training begonnen.

seitdem herrscht große unsicherheit. boxer und judo-kämpfer, so heißt es gerüchteweise, hätten sich die nachbarschaft näher angesehen. gleich morgen werde ich meinen urlaub buchen.

18 Comments:

Blogger kein einzelfall said...

Die Sanitäter haben mir sofort eine Invasion gelegt.
(Fritz Walter)

11:23 nachm.  
Anonymous Tröttelopa said...

Scheint ja mächtig was los zu sein da bei euch, mir wurde garade ganz tröddelig. Fast so wie bei den scheintoten Schattenboxern, jeden Morgen in Chinesien.

Darf man erfahren, wo's hingeht in den Ur Laub?

1:51 vorm.  
Blogger dienuf said...

Bah! Menschen, die im Bötzowviertel wohnen böse!

8:24 vorm.  
Blogger undundund said...

Wenn es die Ballkunst wäre, was die Fußballanhänger begeistert, müsste jedes Trainingsspiel überlaufen und manches Meisterschaftsspiel uninteressant, wenn nicht abstoßend sein.
(Sigmund Graff)

äh, opa, mir fiel kein letzter satz ein, da habe ich an dieser stelle ein klein wenig geflunkert. aber nur da.


und: sollte ich das jetzt persönlich nehmen, nuf?

10:16 vorm.  
Blogger samoafex said...

"mit großer vorfreude beginne ich deshalb oft schon in meiner wohnung zu trödeln, was nicht selten dazu führt, dass ich zu hause bleibe." - *lol*

"früh morgens, vor sonnenaufgang, kann man bereits die ersten dehn- und streckübungen der drahtigen athleten vor dem esmarch-wirt seiner kneipe beobachten, kaum dass der letzte betrunkene herausgewankt ist und in den blumenkübel gekotzt hat." - *lachtränen wegwisch*

"es ist das reinste hockenheim. und nur eine frage der zeit, bis kai ebel am streckenrand die stoßdämpfung und die richtige reifenwahl der boliden für rtl analysieren wird." - *rofl*

"instinktiv suchte ich schutz unter den kleinen bio-bananen aus ecuador, andere warfen sich unter die salatauslage oder hielten sich einen wirsing schützend vors gesicht." - *bauch halt vor lachen*

Ich muss sagen - deine Nachbarschaft klingt erschreckend :) Aber saukomisch in der Beschreibung ;)

11:43 vorm.  
Blogger minka said...

ich weiss nicht wer der mann auf dem foto ist, aber ich muss scheinbar auch nicht alles verstehen um den text grossartig zu finden. gefällt mir wirklich sehr.

5:21 nachm.  
Anonymous mcwinkel said...

:)

6:28 nachm.  
Blogger undundund said...

naja. abgesehen vom techno-freak nebenan ist die nachbarschaft schon ziemlich ok.

minka, kleiner tipp: auf dem foto bin weder ich noch der erwähnte blumenkübel zu sehen ;)

9:17 nachm.  
Anonymous simplex said...

Der Mann im pinken Hemd muss Tim Wiese beim Geheimtraining sein - Flankenfangen üben im Bötzowviertel, wer hätte das gedacht.

9:25 nachm.  
Blogger undundund said...

bananenflanken.

9:45 nachm.  
Blogger Oles wirre Welt said...

kai ebel ist soeben zurück in mein bewusstsein gekrochen. irgendwas da war schöner ohne ihn. der text war's nicht, dem kann der kai nix, der bleibt auch so superb.

1:15 vorm.  
Blogger F said...

Ach was. Nachbarn sind nie cool.

8:34 vorm.  
Anonymous Paul said...

Sehr schön.
Ich male mir gerade aus wie das 106. Tennisspieler-Bataillon auf die trainierenden Hammerwerfer trifft...

12:39 nachm.  
Blogger Schwarzes Schaf said...

Textbeitrag länger als zehn Zeilen plus Bild von Kai Ebel. Uff. Morgen vielleicht.

1:35 nachm.  
Blogger undundund said...

heute morgen an der bushaltestelle habe ich sogar einen mit langlauf-ski im park gesehen. nur so nebenbei bemerkt.

1:18 nachm.  
Anonymous blue sky said...

Seit der Lektüre Ihres (köstlichen!) Berichts weiß ich die zwei-drei Nordic Walker ganz anders zu schätzen, die hier so am Tag vorbeistöckeln.

1:50 nachm.  
Blogger Schwarzes Schaf said...

Ein auf angenehme Weise unaufgeregtes Stückchen Sprache.

Anbei: das Trödeln selbst wäre doch auch schon als Sportart einzustufen. Möglicherweise werden die Nordic Walker bald von Synchrontrödlern in eine zu Fuß nicht mehr erreichbare sozioökonomische Nische abgedrängt.

3:51 nachm.  
Blogger undundund said...

vollkommen richtig. was dem schachspieler die konzentration, ist dem trödler die ablenkung. am meisten spannung birgt für den zuschauer natürlich das beliebte blitztrödeln.

re: nordic-walker. gerne erinnere ich mich an diese harmlosen gesellen (gibt es eigentlich das wort gesellinen?)

6:02 nachm.  

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