Montag, Oktober 31, 2005

kunst und krankheit.

vielleicht hast du das auch schon einmal gehört oder gedacht. jedenfalls: da gibt es viele gescheite leute, die sagen: eine krankheit, vielleicht auch ein wenig ins psychische, das ist gut fürs künstlerische dings. und die ganze energie, die während des leberleidens, des asthmaröchelns oder des wahns heraussprudelt, muss man nur richtig nutzen, und schon hast du ein neues bild vielleicht oder den neuen bestseller. und ein künstler hat einmal gesagt: die tränen der dichter sind die diamanten der literatur. dass es aber auch umgekehrt geht, sprich: dass die kunst krank macht, das hört man nicht so oft. aber pass auf, ich erzähle dir etwas.

vorher aber noch ein spruch. kennst du bestimmt: kindheitsjahre sind prägende jahre. und da haben viele einen heidenrespekt, dass sie was falsch machen könnten bei den kleinen rackern. aber irgendwann musst du einen fehler machen, sonst prägt sich der nachwuchs niemals selbst. jetzt gibt es beim falschprägen zwei möglichkeiten. entweder du prägst etwas falsch, und daraus entwickelt sich etwas sehr wertvolles, sprich blaue mauritius, sprich glück im unglück, sprich weltbekannte künstlerpersönlichkeit. oder du machst dir dein leben lang einen vorwurf, weil die prägung nicht so geworden ist, wie du dir das vorgestellt hast, sprich falscher fünfziger, sprich schleimiger versicherungsvertreter. oder aber dritte möglichkeit: du bist grundschullehrerin für kunst, und dir ist alles egal, auch wenn es zarte kinderseelen krank macht.

jetzt muss ich ein bisschen in der eigenen kindheit graben. nicht schön, aber nun gut. also. kunst habe ich früher nie gemocht, wunschberuf natürlich eher in richtung nationalmannschaft als nationalgalerie. auf der tagesordnung meiner tentakeligen kunstlehrerin k. aber standen: häkeln, stricken, nähen. das wollte ich nicht lernen. eines aber lernte ich sehr schnell: die ewige wiederkehr des gleichen. und siehst du, deswegen sage ich immer: ein segen ist die großfamilie! denn da gibt es den älteren bruder, die ältere schwester, die haben auch mal häkeln müssen und stricken und nähen. bist du als jüngster natürlich fein raus und gibst beim abgabetermin immer schön die sachen von deinen geschwistern noch einmal ab: den weihnachts-stern, das mutti-herz, die sonnenblume und und und.

aber irgendwann kommt irgendwie etwas neues in die welt. dann ist das staunen natürlich groß. da muss selbst die wiederkehr einmal kurz den atem anhalten. aber irgendwie auch logisch, schließlich muss das gleiche ja auch einmal das neue gewesen sein. na, egal. jedenfalls hatte sich meine furchteinflößende kunstlehrerin k. etwas neues einfallen lassen. jetzt natürlich: problem³. ich hatte ja nie wirklich was gelernt und immer nur simuliert. am tag der abgabe entschied ich mich also dafür, das simulieren ein wenig vorzuverlegen. ich machte auf krank, was mir mit einer wiederholung von dalli-dalli um 10.03 und der hoffnung auf ein neues teil von lego-raumfahrt die bessere alternative schien als eine sechs bei k. und ein bisschen flau im magen war mir ja sowieso. kleiner grundschüler gegen furchteinflößende kunstlehrerin mit tentakel-armen. aber jetzt gibt es noch einen klugen spruch: die menschen planen, die götter entscheiden. in meinem falle entschieden sie auf krankenhaus.

und zwar. ich simulierte so gut, dass meine eltern ernstlich besorgt waren. es ging zum hausarzt. da habe ich dann zu den ungünstigsten momenten "aua" gesagt, als ich abgetastet wurde. und stellvertretend für die götter entschied der hausarzt: klare sache, der blinddarm muss heraus. und so eine einweisung ist schnell geschrieben, ja was glaubst du. jedenfalls landete ich in der aufnahme und am nächsten tag war der gesunde blinddarm auch schon heraus. und jetzt siehst du, dass nicht die krankheit zur kunst, sondern die kunst ins krankenhaus führt. wieder etwas gelernt.



16 Comments:

Blogger Oles wirre Welt said...

f-f-f-f-f-f-fa-fa-fa-famos!

Ich hab vorhin beim Durchfahren der Bahnhofsunterführung übrigens "World Harmony"-Plakate entdeckt. Das Sitarsirren geht weiter!

9:24 nachm.  
Blogger undundund said...

nichts wie hin!

//

ich habe die geschichte übrigens ein bisschen abgekürzt. aber es geht noch irre weiter: mein älterer bruder war zehn tage vorher beim rodeln gegen einen baum geklatscht und hatte sich ein bein übel zertrümmert. lag ich also mit meinem bruder gleichzeitig auf einem zimmer. war natürlich praktisch für die eltern.

schlimm allerdings: ein anderer patient hatte einen videorecorder mitgebracht. ich sage nur: luis de funes filme. lachen und gleichzeitig die frische bauchwunde festhalten - das war anstrengend. januar 85 war das.

9:42 nachm.  
Anonymous burns said...

Ein toller Text, Undmanm!
Und du klingst ein bisschen wie der unsichtbare Erzähler in den Wolf Haas Romanen.

1:08 vorm.  
Blogger undundund said...

ich würde sogar mein pseudonym als zeichen der verehrung für den großartigsten schreiberling der jetzt-zeit bezeichnen ;)

klaro: der plauderton und einige einsprengsel sind hundertpro haasisch.

9:23 vorm.  
Blogger kein einzelfall said...

Hier sind Haas-Kenner, was für ein Glücksfall!:
Freundin Barbara und ich sinnieren schon seit Längerem, woher der Kater aus der Serie mit Polt seinen Namen (+/- Czernohorsky) hat.

1:24 nachm.  
Blogger kein einzelfall said...

Anknüpfend an ganz oben übrigens auch noch ein spätes Kompliment: Die gezirpte Welt-Harmonie hat mich fast ein Glasauge gekostet - Lachtränen und Kontaktlinsen vertragen sich ganz schlecht.

1:28 nachm.  
Anonymous Jawoll! said...

Hier und heute fühlt sich Opa so richtig POODLE_WOHL !!!

1:46 nachm.  
Blogger Oles wirre Welt said...

Ich stand letztens noch im Buchhandel vor "Komm süßer Tod" - auch, weil ich den gleichnamigen Bach-Choral (in der Bearbeitung von Nystedt) heiß und innig liebe. Mitgenommen habe ich ihn dann doch nicht, weil noch einige ungelesene Sachen auch in meinem Regal stehen. Insofern: Mitreden kann ich bei Haas leider nicht. Bislang... :)

2:27 nachm.  
Blogger kein einzelfall said...

(Stolz und Fehlurteil - ich auch nicht. Der mit dem Kater war gar nicht Haas, sondern Alfred Komarek. Sorry. P e i n l i c h)

9:46 nachm.  
Blogger undundund said...

@ einzelfall & jubelperser & ole & burns: mutschas grazie.

@ extra ole: haas MUSS gelesen werden. ich wurde einmal angefixt und seitdem war ich süchtig. "komm süßer tod" ist princeps inter pares.

@ extra einzelfall: da habe ich den ganzen sinnierend verbracht und bin und bin nicht drauf gekommen, was du meinst.

10:11 nachm.  
Blogger undundund said...

bitte "bin" statt "war" und "tag" einsetzen. vielen dank und over.

10:13 nachm.  
Blogger Oles wirre Welt said...

darf ich mir aussuchen, wo? :)

~~xikbixkip~~

8:35 vorm.  
Blogger undundund said...

selbstverständlich.

10:14 vorm.  
Blogger Oles wirre Welt said...

Klasse.

Ich hoffe, die Pause hat keine ernsthaften, schicksalsträchtigen Gründe und dauert nicht allzulang.

12:25 nachm.  
Anonymous wuestenfloh said...

Selbst nach langem Bloglesen und schmerzenden Augen, kein Problem, die Geschichte mit zunehmendem Vergnügen durchzulesen!

5:40 nachm.  
Anonymous dolce vita said...

GRANDIOS

6:21 nachm.  

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